News Philipp Pflieger: „Die EM ist mir mehr wert als eine WM“

Philipp Pflieger




06.02.2017

Berlin ist für Philipp Pflieger die Stadt, in der er seine Leichtathletik-Karriere neu erfinden konnte. Sie weist ihm jetzt aber auch den Weg zurück, denn in der Europameisterschaft 2018 in Berlin sieht der Regensburger Langstreckler ein Event, das er für sich sogar als bedeutender einschätzt als die Weltmeisterschaft: „Eine EM im Marathon ist etwas Besonderes, das gibt es wie Olympia nur alle vier Jahre.“

Dass er nun überhaupt auf Marathon-Kurs zur Heim-EM liegt, war keine Selbstverständlichkeit und erst recht kein Selbstläufer. Dahinter stecken harte Arbeit, viel Geduld und der unerschütterliche Charakter eines echten Stehaufmännchens.

Das Laufen auf der Bahn war für den 29-Jährigen nämlich jahrelang hartes Brot, oder besser gesagt hart verdientes Brot. Immer mit dabei, immer wieder Rückschläge einsteckend, aber für die ganz große Nummer hatte es nie gereicht. Mehr als ein 15. Platz bei der EM 2012 in Helsinki über 5.000 Meter sprang international nicht heraus.

Am Ende: Kollaps beim Marathondebüt

2014 brachte er es auf seine 10.000 Meter-Bestzeit von 28:40,39 Minuten. Eine gute Leistung, aber nicht gut genug, um echte Perspektiven zu sehen, sei es mit Blick auf internationale Großereignisse oder auch auf den eigenen Geldbeutel. „Ich war ein kleines Licht“, weiß Philipp Pflieger, der jemand ist, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht und sich realistisch einzuschätzen weiß.

Hinter vorgehaltener Hand stellte er damals schon sein nahendes Karriereende in den Raum, aber nicht ohne noch einen Joker in der Hinterhand zu haben: Den Marathon.

Und diese Marathon-Rechnung begann mit einem echten Schock. Bei seinem Debüt in Frankfurt kollabierte der Wahl-Bayer im Herbst 2014 bei Kilometer 36 völlig entkräftet. Danach verkroch er sich monatelang: „Mein Körper hatte den Stecker gezogen und mich nicht mehr ins Ziel gebracht, das hätte mich fast gebrochen“, sagt er heute rückblickend.

Berlin wird für Philipp Pflieger zum Gameswitcher

Doch Philipp Pflieger wäre nicht Philipp Pflieger, hätte er sich nicht noch ein weiteres Mal, wie schon so oft nach Verletzungen, aufgerappelt. Mit einem neuen großen Ziel im Marathon: Berlin. Wenn nicht in Berlin, dem deutschen Magneten für die Läuferszene, wo dann? 

Dort nahm er im September 2015 die schnellen Straßen der Hauptstadt unter seine Füße. Er wusste, dass es für ihn um Alles oder Nichts ging, um „Friss oder stirb“, vielleicht sogar um die Olympia-Qualifikation. Einen weiteren Fehlschlag durfte er sich nicht leisten.

„Berlin war der Gameswitcher“, weiß er jetzt. Nach 2:12:50 Stunden war er im Ziel, als schnellster Deutscher von den Fans und von den Medien gefeiert. Das umso mehr, da er die Olympia-Norm um eine Kleinigkeit von 35 Sekunden verpasst hatte und gerade angesichts seines couragierten Rennens eine lautstarke Diskussion um die Vorgaben einsetzte.

Marathonszene als völliges Neuland

Philipp Pflieger war zusammen mit seinem Coach Kurt Ring einer, der diese Diskussion forsch und offen führte, sich auch juristische Unterstützung holte. Schließlich schrieb er es sich auch ein Stück weit auf seine Fahnen, als der DOSB zusammen mit dem DLV als Fachverband die Olympianormen abschwächte. Der Weg war damit frei: Der Oberpfälzer durfte sich seinen Lebenstraum Olympische Spiele 2016 in Rio erfüllen.

Doch für ihn gab es noch eine zweite Komponente: Er war kein kleines Licht mehr. Er hatte die Läufer- und Marathonszene auf sich aufmerksam gemacht, wurde zu einem Anführer der deutschen Lauf-Community. Medien, Foto-Shootings, Modenschauen, Sponsoren und Partner: „Alles, was nach dem Berlin-Marathon passierte, war für mich Neuland.“

Philipp Pflieger jetzt Unternehmer in eigener Sache

Er tauchte ein in eine „ganz andere Welt“, die er bisher noch nicht kannte. Es öffneten sich ihm Türen, neue Verdienstmöglichkeiten taten sich auf und sogar die Praxis des berühmten Münchner Sportmediziners Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt war plötzlich eine Anlaufstation, um gesundheitlich auf Kurs zu bleiben. 

Aus dem bescheidenen Bahnläufer war fast über Nacht ein „Unternehmer in eigener Sache“ geworden, der von seinem Ausrüster sogar mit dem „adidas Athlete of the Year Award 2016“ ausgezeichnet wurde. Das ist kein Zufall: Philipp Pflieger ist ein lockerer, kommunikativer Typ, der nicht nur als Sportler, sondern auch als Markenbotschafter gut ankommt.

„Als Marathonläufer hat man ganz andere Möglichkeiten sich darzustellen“, hat er herausgefunden. Das würde er gerne auch für die gesamte Sportart Leichtathletik sehen: „Ich glaube, dass man die Leichtathletik als coole und super sexy Sportart vermarkten kann.“

Diskussionen um Doping und Normen

Ein Stück weit macht er das gerade vor und genießt es gleichermaßen. Jetzt sieht sich Philipp Pflieger als „autark“. „Ich kann die Wettkämpfe machen, auf die ich Bock habe.“ Er betrachtet es auch als sein gutes Recht, „dass man gewisse Positionen bezieht“.

So ist das Thema Doping für ihn auch noch nicht zu Ende diskutiert: „Am Dopingsumpf hat sich nichts geändert“, sagt er mit einem Blick über die Skandale in Russland hinweg Richtung Afrika. Die nationalen Normen für die internationalen Großereignisse sieht er auch deshalb weiter kritisch: „Das ist noch nicht durch.“

In diesem Jahr spielen sie für ihn aber keine Rolle. Er lässt die WM 2017 in London links liegen, konzentriert sich stattdessen auf zwei Städte-Marathons, um dann für 2018 die EM-Qualifikation für Berlin in Angriff zu nehmen. Dass er sich den Startplatz erarbeiten muss, weiß er und ist auch hellwach angesichts der möglichen Konkurrenz: „Ich bin Sportsmann. Ich hoffe, dass 2018 die drei besten Marathonläufer am Start sein werden.“

Philipp Pflieger will einen Schritt nach dem anderen gehen

Dass er dazugehören möchte, ist keine Frage. Dass er eine Vision im Kopf hat, genauso wenig. Am 12. August 2018 will er in der Stadt, die er als „Impulsgeber Deutschlands“ bezeichnet, für sich ein weiteres Marathonkapitel schreiben. „Ich möchte ein Gefühl haben wie in Rio: Ich habe dort alles aus mir rausgeholt, ich hätte keinen Schritt mehr schneller laufen können und hatte mir nichts vorzuwerfen.“

Dass eine Europameisterschaft im eigenen Land durchaus Überraschungspotenzial mit sich bringt, ist Philipp Pflieger bewusst. Deshalb gibt es ihn durchaus, den Traum in die Top Acht zu laufen. Er weiß aber auch: „Einen Schritt nach dem anderen.“ Der nächste wäre es, in diesem Jahr die Bestzeit unter 2:12 Stunden zu drücken.

Was dann im nächsten Jahr bei der EM in seinem Berlin, dort wo seine Marathonkarriere begann, möglich ist, eine nächste, spannende Frage.

Über Philipp Pflieger

  • geboren am 16. Juli 1987
  • Disziplin: Marathon
  • Bestzeit: 2:12:50 h
  • Verein: LG TelisFinanz Regensburg
  • Trainer: Kurt Ring
  • Größter Erfolg: Olympia-Teilnahme 2016 (Platz 55)

 

Philipp Pflieger über Berlin:

„Eine Impulsgeberstadt für Deutschland mit vielen Trends, Designs und Kontrasten. Es gibt eine sehr interessante Mischung an Menschen. Ich mag die Berliner recht gern.“ 

Sein Lieblingsort in Berlin:

„Der Breitscheidplatz, die Siegerehrung dort bei meinem ersten Berliner Laufevent, der City-Nacht, ist mir immer noch in Erinnerung. Ich habe auch einmal an einem Läufergottesdienst in der Gedächtniskirche teilgenommen.“

Sein Ausblick auf Berlin 2018:

„Wenn ich mich weiterentwickle, halte ich die Regionen um die Top 8 für möglich. Ich möchte mit einem Gefühl ins Ziel kommen wie in Rio. Dort hätte ich keinen Schritt mehr schneller laufen können.“

 

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